Skip to main content
Article |
Article
| Autographs

Vom "Autogramm" zum "Autograph". Zur Kultivierung einer Liebhaberei

"In unserer schnelllebigen Zeit steht der bloße Namenszug des vom Scheinwerferlicht des Tages umfluteten Zeitgenossen - das Autogramm - im Vordergrund des Interesses." Günther Preuß-Tantzen about the history of autograph collecting.

Published on 24 June 2010

253_image1_mozart_autograph.jpg

Günther Preuß-Tantzen


Losgelöst und entbunden von ihrer ursprünglichen Aufgabe, stellt die Handschrift als Autogramm oder Autograph eine neue persönliche Beziehung her. Eine Beziehung, deren sich meist nur der eine Partner, als Beschauer oder Besitzer des betreffenden Wesenszeugnisses, bewusst wird.

Die Selbstschriften bedeutender Menschen haben wohl zu allen Zeiten die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Eine Beachtung, die sich nicht selten zu einem lebhaften Sammlerinteresse verdichtet. Gehört doch die Originalhandschrift als erstes bleibendes Zeugnis von der Wesenheit ihres Urhebers zu den intimsten und wertvollsten aller Erinnerungen.

Losgelöst und entbunden von ihrer ursprünglichen Aufgabe, stellt die Handschrift als Autogramm oder Autograph eine neue persönliche Beziehung her. Eine Beziehung, deren sich meist nur der eine Partner, als Beschauer oder Besitzer des betreffenden Wesenszeugnisses, bewusst wird. Seine Angelegenheit bleibt es, über den offiziellen Ruhm des Großen hinaus, eine besondere und letzte Wertung zu fällen; alle Stufungen und Steigerungen des sich bildenden Fluidums werden durch die Absicht, die geistige Einfühlungsgabe oder seelische Schwungkraft dessen bestimmt, der die Handschrift des unsichtbaren Gegenübers in Händen hält.

In unserer schnelllebigen Zeit steht der bloße Namenszug des vom Scheinwerferlicht des Tages umfluteten Zeitgenossen - das Autogramm - im Vordergrund des Interesses.

Die Bedeutung des Autogramms wird wesentlich durch den Umstand bestimmt, dass Geber und Nehmender dieselbe Gegenwart erleben und sich aus dieser Erlebnisgemeinschaft gewisse Beziehungen ableiten lassen. Dem stehen die Begrenzung durch das kurze Schriftbild des Namenszuges in seiner stereotyp wiederholten Form und die fast immer zweckbestimmende Absicht des Gebenden gegenüber. Wer innerlich über die objektive Beziehung zu dem mit vielen geteilten Besitz des Autogramms hinauswuchs und das verstärkte Fluidum eines intimeren persönlichen Verhältnisses ersehnt, sucht nach wesenhafteren und stärkeren urschriftlichen Zeugnissen der verehrten großen Namen; vor allem auch solcher, die nicht nur der Gegenwart angehören. An die Stelle der aufgegebenen zeitgenössischen Gemeinschaft (in ihrer mitunter schwankenden Bedeutung) tritt die abgeschlossene historische Wertung.

Hier beginnt die Welt des Autographs, jenes Hand-Werks, das als Brief, Manuskript, Urkunde oder hingeworfene Skizze ursprünglich andern Zwecken als dem, Autograph zu sein, bestimmt war. Denn gerade darin liegt der eigenartige Reiz des Autographs, als ein bis in ferne Zukunft festgelegte Lebensäußerung, dass es seine Aufgabe als Mitteilung oder flüchtiger Ausruf längst erfüllt hat und nun auf diese oder jene merkwürdige Weise dem Schoße der Vergangenheit entsteigt, um abermals und auf besondere Art von der Wesenheit ihres Urhebers Zeugnis zu geben.

Dem, der sich dem eigenartigen Reiz und der Wirkung des Autographs hingibt, erschließt sich eine ganze Skala von Stufungen der Bezugnahme und des Verbundenseins. Der Besitz oder die Betrachtung eines solchen Zeugnisses hebt ihn hinaus und empor über das breite Publikum; die Wirkung der offiziellen Lebensäußerungen der Großen verdichtet sich im Bannkreis der Persönlichkeit zum Fluidum der nahen Beziehung.

Eine weitere Steigerung erfährt der fesselnde Reiz solcher Beziehungen durch die Tatsache, dass es nicht allzu viel Möglichkeiten gibt, in den Besitz von Urschriften zu gelangen. Selbst als Handelsware hat das Autograph noch sein besonderes Schicksal. Dieser oder jener Name wird herausgestellt, wenn nach ihm gefragt wird; andere Stücke bleiben unbeachtet, bis auch sie eines Tages wieder reden dürfen oder, von niemand verlangt, als stumm bleibende Zeugen schließlich in Staub zerfallen. Daneben wandert ein großer Teil von Handschriften alljährlich in die staatlichen und kommunalen Archive und wird so der Möglichkeit des Erwerbs durch Privathand für alle Zeit entzogen.

Vom "Autogramm" zum "Autograph". Zur Kultivierung einer Liebhaberei. Von Günther Preuß-Tantzen. In: Der Autographen-Sammler. Eine monatlich erscheinende Katalogfolge des Hauses J. A. Stargardt, Berlin. Jg. I., Nr. 2, Juli 1936.


The article was originally published by J. A. Stargardt (Berlin). It is now presented online on www.autographs.de and on ILAB.org by permission of Eberhard Köstler (Köstler Autographs) and Wolfgang Mecklenburg (J. A. Stargardt).

  • share