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Abraham Horodisch

Horodisch wuchs in einer wohlhabenden, assimilierten und gebildeten Bankiersfamilie auf, die aus Angst vor den antisemitischen Unruhen aus dem zaristischen Russland 1906 nach Königsberg in Ostpreußen gezogen war. Nach seiner Gymnasialzeit studierte der mehrsprachig erzogene Horodisch auf Drängen des Vaters von 1915-1918 Wirtschaftslehre an den Universitäten Berlin und Frankfurt I Main und schloss das Studium mit der Dissertation ab.
Published on 20 Sept. 2013
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Part 1 of the series of 25 booksellers' biographies from Ernst Fischer’s biographical handbook "Verleger, Buchhändler & Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933" is devoted to the antiquarian bookseller and bibliographer Abraham Horodisch.


Abraham Horodisch (3. 2. 1898 Lodz / Polen (ehem. russ.) -7. 11. 1987 Amsterdam; Antiquar; Dr. Dr. h. c.)


Horodisch wuchs in einer wohlhabenden, assimilierten und gebildeten Bankiersfamilie auf, die aus Angst vor den antisemitischen Unruhen aus dem zaristischen Russland 1906 nach Königsberg in Ostpreußen gezogen war. Nach seiner Gymnasialzeit studierte der mehrsprachig erzogene Horodisch auf Drängen des Vaters von 1915-1918 Wirtschaftslehre an den Universitäten Berlin und Frankfurt I Main und schloss das Studium mit der Dissertation ab.

Schon früh hatte Horodisch mit dem Sammeln von Büchern begonnen, wobei sein Hauptinteresse auf den Gebieten Typographie, Illustration und weiteren Aspekten der Buchgestaltung lag; besondere Bewunderung empfand er für die Drucke des Venezianers Aldus Manutius aus der Zeit um 1500 und für die moderne Buchillustration Alfred Kubins. 1920 gründete er, gemeinsam mit Ernst Rathenau, in Berlin den EUPHORION VERLAG, der in wenigen Jahren zum wichtigsten bibliophilen Verlagsunternehmen jener Zeit wurde. 1924 verließ er aufgrund von Unstimmigkeiten mit seinem Kompagnon Rathenau den Euphorion Verlag und errichtete mit Moses Marx den Verlag MARX & CO. (ab 1926 HORODISCH & MARX), der - mit angeschlossener Druckerei - bibliophile Werke herausbrachte und auch auf die Publikation von Musikpartituren spezialisiert war. Da Marx 1926 eine Stelle als Bibliothekar in den USA annahm, führte Horodisch das Unternehmen 1927-33 in Alleinregie. Seit 1929 war er Inhaber der Handpresse ALDUS DRUCK, die den bibliophilen Zweig der Druckerei der Brüder Erich und Reinhold Schalem bildete, mit denen Horodisch befreundet war.

Zuvor schon war Abraham Horodisch 1924 Mitbegründer der Soncino Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches, deren Mitteilungen er zwischen 1928 und 1932 herausgab. In Berlin machte er auch die Bekanntschaft Albert Einsteins und gab 1929 eine Auswahl aus seinem Werk im SONCINO VERLAG heraus. Horodisch gehörte außerdem mehreren bibliophilen Kreisen an, wie dem Berliner Bibliophilen-Abend, dem Fontane-Abend und dem von ihm mitbegründeten Kreis der Berliner Bücherfreunde; als leidenschaftlicher Büchersammler besaß er eine bedeutende Kollektion von Erstausgaben und Originalausgaben gesammelter Werke der deutschen Literatur.

Nachdem bereits im März 1933 die jüdischen Mitglieder des Berliner Bibliophilen-Abends zum Austritt aufgefordert worden waren, entschied sich Horodisch, nicht länger im nationalsozialistischen Deutschland zu leben und ging in die Emigration: Im Nachtzug erreichte er am 22. Juni 1933 Amsterdam, auch seine etwa zweitausend Bände umfassende Privatbibliothek konnte er dorthin transferieren; der Verlag Horodisch & Marx wurde bald darauf durch eine Razzia der Gestapo verwüstet und das gesamte Bücherlager beschlagnahmt und vernichtet. Da Horodisch im Aufnahmeland über das für einen Verlag und eine Druckerei erforderliche Investitionskapital nicht verfügte und ihm die Führung einer Sortimentsbuchhandlung von der niederländischen Buchhändlervereinigung (zunächst) nicht erlaubt wurde, richtete er in dem von ihm angemieteten Haus in der Amsterdamer Spuistraat 314 das Geschäft ERASMUS ANTIQUARIAAT EN BOEKHANDEL ein und ließ es am 16. März 1934 in das Handelsregister eintragen; die von Hertzberger 1935 gegründete Nederlandsche Vereeniging van Antiquaren nahm Horodisch sofort als neues Mitglied auf.

1934 heiratete Horodisch  in zweiter Ehe die mit ihm emigrierte gebürtige Berlinerin Alice Garnman (ursprgl. Garnmann, 1905 - 84), eine auf den Entwurf von Exlibris spezialisierte Graphikkünstlerin, die fortan alle Drucksachen des Unternehmens gestaltete.

Die wirtschaftlichen Umstände erwiesen sich als günstig: Als Folge der Weltwirtschaftskrise hatten sich nicht nur die für das neu gegründete Antiquariat einzukaufenden Bücher rapide verbilligt, sondern auch die Löhne für Angestellte sowie die Mietkosten; darüber hinaus fand Horodisch mit Unterstützung von Walter Baumann, mit dem er sich zum Aufbau des Unternehmens zusammengetan hatte, schnell Eingang in kulturell interessierte Kreise, weil dieser guten Kontakt zu den >großbürgerlichen< Kaufleuten der Stadt hatte.

Die Tatsache, dass Abraham Horodisch bis zu seiner Aufnahme in die holländische Buchhändlervereinigung 1940 keine Bücher von inländischen Verlegern beziehen durfte, sowie die Einsicht, dass er sich angesichts der politischen Lage nicht auf das deutschsprachige Buch beschränken dürfe, veranlasste ihn zu wiederholten Büchereinkaufsreisen nach London und Paris; das Geschäft gewann so von Anfang an einen internationalen Charakter. Ein Kapital von f 20.000, das der ebenfalls aus Berlin emigrierte Bankierssohn Ernst Rosenherger im Dezember 1935 in das Unternehmen investierte, ermöglichte es Horodisch, wertvolle Drucke zu erwerben und in ein repräsentativeres Lokal umzuziehen, vom Spui 314 nach Spui 2.

In der Hauptsache erfolgte der Bücherverkauf durch die ab 1935 erscheinenden Kataloge, die Horodisch, ab 1936 zusammen mit dem aus Kassel stammenden Buchhändler Dr. Martin Oppenheim erarbeitete. Bereits im April 1937 schied Rosenberger als stiller Teilhaber wieder aus, seinen Anteil übernahm ein bibliophiler Freund Horodischs, der Amsterdamer Bankier Paul Auerbach; beide sollten den Krieg nicht überleben.

Horodisch  handelte ab Mitte der 30er Jahre nicht nur mit antiquarischen Büchern: er verkaufte auch die Exil-Ausgaben von ALLERT DE LANGE und QUERIDO, und deren Vertrieb in Deutschland lief teilweise über Horodisch & Marx in Berlin: laut Auskunft von Horodisch war dieser Umsatz damals eine wichtige Einkommensquelle für ihn.

Nach dem Einfall der deutschen Wehrmacht im Mai 1940 wurde Horodischs Situation zusehends schwierig. Im November 1941 wurde aufgrund der >Arisierungsbestimmungen< der gebürtige Bielefelder Heinrich Vossiek als deutscher Verwalter von Erasmus eingesetzt; dieser, ein langjähriger Kunde des Antiquariats, ließ allerdings den Geschäften ihren eigenen Gang: selbst leidenschaftlicher Sammler, hatte er sich die Oberaufsicht über einige der renommiertesten Antiquariate in Holland zuteilen lassen.

Als der Druck durch die Besatzungsmacht stärker wurde, veräußerte Horodisch seine namhafte Büchersammlung, um sich durch die frei gewordenen Geldmittel und mit falschen >arischen< Papieren im Juli 1942 die Flucht über Belfort in Frankreich in die Schweiz zu ermöglichen. Von der Schweizer Grenzpolizei entdeckt, wurde er bis Frühjahr 1943 im Sammellager Sumiswald im Kanton Bern untergebracht, bis ihn der Direktor der Fribourger Universitätsbibliothek zum Dienst zu sich beorderte. Horodisch konnte mit seiner Frau vom Juli 1943 bis zur Repatriierung nach Amsterdam im Dezember 1945 in Fribourg bleiben. In dieser Zeit veröffentlichte er im Verlag der PAULUS-DRUCKEREI ein umfangreiches Werk über die Anfänge des Buchdrucks in Fribourg, ohne einen Lohn dafür annehmen zu dürfen.

In Amsterdam war im August 1944 Gerrit Robert van Calcar Veenstra zum neuen Verwalter von Erasmus ernannt, nach drei Monaten aber von Carl Ortmann als Liquidator abgelöst worden. Nach Ende des  Krieges und der Besatzung eröffnete im Mai 1945 der aus dem Untergrund wieder aufgetauchte Mitarbeiter und Teilhaber Martin Oppenheim erneut die antiquarische Buchhandlung am Spui, nachdem er den Laden bei der Rückkehr völlig leer geräumt vorgefunden hatte. Er brachte das Geschäft wieder in Gang, bis Horodisch im Herbst 1945 nach Amsterdam zurückkehrte, mit einem Büchervorrat im Gepäck.

Der Schwerpunkt des Unternehmens verschob sich nach dem Krieg unter Mitarbeit von Horst Garnman zunächst in Richtung allgemeiner Sortimentsbuchhandel, weil das Kapital fehlte, ein attraktives Antiquariatslager aufzubauen, währenddessen die Verleger dem weithin geschätzten Horodisch großzügige Kredite einräumten. 1949 wurde Horodisch mit dem Aufbau einer Bibliothek für einen südamerikanischen Sammler betraut, außerdem versetzte ihn eine Zwangsversteigerung deutscher Bücher in Amsterdam in die Lage, einen ersten Spezialkatalog deutscher Bücher anbieten zu können; die meisten Bücher verkauften sich sofort, zum Großteil an amerikanische Bibliotheken. Auch im Sortiment erkannte Horodisch das Potential des weltweiten Bibliotheksgeschäfts. Im Laufe der Zeit spezialisierte sich Horodisch in seiner Lagerhaltung: Nach einer anfänglichen breiten Streuung an geisteswissenschaftlichen und literarischen Werken konzentrierte sich Erasmus auf die Bereiche Buch- und Kunstgeschichte.

Auch im Antiquariat war eine solche Spezialisierung auf die Bereiche bibliophiler Bücher und Drucke des 16.Jahrhunderts merklich; Horodisch gelangte in den Besitz umfangreicher privater Büchersammlungen, die unter anderem die Geschichte des russischen Buches sowie französische Holzschnitte des 16.Jahrhunderts, Buchminiaturen und künstlerische Graphik betrafen.

Abraham Horodisch verfasste regelmäßig wissenschaftliche Publikationen über Themen wie die Buchillustrationen von Picasso und Kubin, Oscar Wilde, Druckerzeichen oder Miniaturbücher; als Sammler setzte er seine Schwerpunkte auf expressionistische Kunstwerke, Alfred Kubin und Heinrich von Kleist, Miniaturbücher, buchhistorische Themen, illustrierte Bücher, Judaica und russische Bücher.

1984 konnte Horodisch mit einer aufwendig gestalteten Festschrift das 50-jährige Bestehen seines in internationalem Maßstab agierenden Erasmus-Antiquariats feiern. Im selben Jahr starb am 12. Dezember seine Frau Alice.

Horodisch wurde für seine kulturellen Verdienste 1978 mit der Auszeichnung Zilveren Anjer Prins Bernhard Fonds (>Silberne Nelke<) der Niederlande geehrt, 1985 erhielt er für sein Wirken im Interesse der Buchwissenschaft die Ehrendoktorwürde der Universität Amsterdam. Die Gründung eines Abraham-Horodisch-Lehrstuhls für die Geschichte des Buches an der Universität Tel Aviv und die Horodisch Collection in der Sourasky Central Library der Universität Tel Aviv mit ca. 8000 Bänden zeugt von Horodischs Verbundenheit zur Wissenschaft und zum Staat Israel.

Nach Horodischs Tod wurden Antiquariat und Buchhandlung von seinem seit 1945 bei Erasmus tätigen Mitarbeiter Horst Garnman, einem Vetter seiner Frau Alice Garnman, weitergeführt.
 

Literature


ABRAHAM HORODISCH: Der Euphorion Verlag. in: Imprimatur. NF Bd. 6 (1971) S. 105-20 [mit Bibliographie]; DERS.: Schlussbemerkung: Fünfzig Jahre Buchhändler in Amsterdam. in: De Arte et Libris. Festschrift Erasmus. 1934-1984- Amsterdam 1984 S. 465-69.   SStAL, bv, F 4. 214 (Horodisch & Marx Verlag GmbH); BHE 2; Adressbuch 1931 S. 283; Verlagsveränderungen 1933-1937 S. 12; Amor Librorum. Bibliographic and other Essays. A Tribute to Abraham Horodisch on his Sixtieth Birthday. Amsterdam: Erasmus 1958 (darin: EMMA DRONCKERS: Werken en geschriften van Dr. Abraham Horodisch. Een chronologische, bibliografische samenvatting, S. IX-XV II); Zum 60. Geburtstag von Dr. Abraham Horodisch. in: Bb l. (FfM) Nr. 8 vom 28. 1. 1958 S. 46 f.; JENNY GANS-PREMSELA: Vluchtweg. Baarn: Bosch & Keuning 1990; RUDOLF ADOLPH: Bibliophile Porträts: Dr. Abraham Horodisch. in: Bbl. (FfM) Nr. 91 vom 12.11. 1963 S. 2018-20; BERNHARD WENDT: Zum 70. Geburtstag von A. Horodisch. in: Bbl. (FfM) Nr. 13 vom 13. 2. 1968 S. 317; URI BENJAMIN [d. i. Walter Zadek]: Antiquare im Exil: Dr. Abraham Horodisch. in: Bbl. (FfM) Nr. 42 vom 29. 5. 1973 S. A 186-91; Bbl. (FfM) Nr. 95 vom 27.11.1987 (AdA (1987)) S. A 460; Bbl. (FfM) Nr. 92 vom 17. 11. 1987 S. 8254; EDITA KOCH: Ein nimmermüder Antiquar. Zum einjährigen Todestag von Abraham Horodisch. in: EXIL H. 2 ( 1988) S. 96 f.; FRANK HERMANN: Deutsche Antiquare in Amsterdam. in: Bbl. (Lpz) Nr. 49 vom 4. 12.1990 S. 907f.; FISCHER: Buchgestaltung im Exil (2003) S. 173 [zu Alice Horodisch-Garnman]; SCHROEDER: >Arisierung< I (2009) S. 296 f. ; SCHROEDER: >Arisierung< II (2009) S. 377; VAN DER VEEN: 75 Jahre Erasmus (2009), mit weiterführenden Literaturhinweisen S. 92 f.
 

Ernst Fischer: Verleger, Buchhändler und Antiquare aus Deutschland und Österreich in der Emigration nach 1933. Ein biographisches Handbuch.


With an essay and 20 photographs. Book design: Ralf de Jong. Elbingen, Verband Deutscher Antiquare, 2011. 431 pp., Cloth.

The International League of Antiquarian Booksellers is proud to publish some of the most impressive stories told in Ernst Fischer’s book on its website.
For more information please visit the website of the German Antiquarian Booksellers' Association (VDA)

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